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  • Autorenbildsimis

Die Baumkletterer

Aktualisiert: 18. Juni 2023

Diese Geschichte handelt von einem unfreiwilligen und einem freiwilligen Baumkletterer und einem Mann der nun "Der mit der weissen Katze genannt wird" Also, wenn ihr mögt, bitte bis zu Ende lesen…


Im Blog „Endstation“ habe ich ja schon über Lio, meinen jungen Kater geschrieben. Die Geschichte entwickelte sich gut. Ich merkte bald, dass er vor meinen Händen und Füssen Angst hatte und dass dies seine Aggression gegen Menschen ausmachte und schloss daraus, dass er keine guten Erfahrungen mit Menschen machte. Also musste ich neues Vertrauen schaffen. Ich fütterte ihn jeden Tag ausschliesslich aus meiner Hand und zog immer die Schuhe aus, wenn ich mit ihm war. Schuhe mochte er gar nicht.


Er fasste Vertrauen und viele konnten nicht begreifen, wie schnell diese wilde Katze plötzlich ruhig wurde. Er erkundete die Umgebung und kam immer wieder freudig nach Hause. Wenn er mich sah, sprang er mich an wie ein junger Hund. Eines Abends verschwand er bis in die Morgenstunden und als ich ihn fand, war er am turteln mit zwei rolligen, schwarzhaarigen Schönheiten. Wer kann ihm da böse sein.


Also ab nach Hause. Ihr könnt euch das Theater vorstellen, als er nicht mehr raus durfte um seinen zu Trieben folgen. Aber es beruhigte sich alles und eine sehr harmonische Zeit begann. Er ging ein und aus und kam immer wieder und war immer da, wenn ich morgens aufstand und abends ins Bett ging.


Eines Morgens stand ich auf und er war einfach weg. Ich wusste sofort etwas stimmt nicht, Mein zweiter Kater Lenny war unruhig und suchte ihn, aber ich musste zur Arbeit. Von der Arbeit überwachte ich meine Wohnung mittels PET-Kamera. Er tauchte nicht auf.


Abends nach der Arbeit ging ich ihn suchen. Erfolglos. Ich schaute immer auf die Katzentüre. Nichts. Stunde um Stunde verging. Ein guter Freund kam und wollte mir helfen, Lio zu suchen. Ich sagte: Er wird von irgendjemandem, oder irgendwas gehindert zu mir zu kommen. Ich bin sehr sicher, dass er nicht einfach weggelaufen ist. Suchen macht im Moment keinen Sinn.


Mein Freund ging erst im Morgengrauen und ich sehr traurig ins Bett.


Lio, wo bist du?

Am Folgetag suchte ich ihn überall. Ich rief an alle an, die ich konnte um seinen Verbleib ausfindig zu machen. Keine Spur. Da die Polizei ein Buch führt, über tot aufgefundene Katzen, wusste ich, Lio lebt und ist irgendwo da draussen. Also hängte ich im ganzen Quartier Plakate auf mit seiner schwierigen Geschichte und dass ich ihn sehr vermisse.


Am nächsten Tag musste ich wieder zur Arbeit. Ich überlegte, konzentrierte mich, wo habe ich noch nicht nachgesehen. Um 14.00 Uhr sagte ich zu meinen Mitarbeitern, ich gehe nachhause um Lio zu suchen. Ich habe das Gefühl, jetzt finde ich ihn. Sie nickten verständnisvoll.


Zuhause angekommen druckte ich noch ein paar Plakate und hängte sie an allen Bushaltestellen auf, da bleiben die Menschen stehen und haben Zeit zu lesen. Dann ging ich wieder nachhause und googele nochmals Katze vermisst und gelangte auf die Seite einer Tierkommunikatorin. Sie hat offensichtlich schon viele Tiere wiedergefunden. Ich rief sie an und sie sagte zu mir: Rufe ihn mit deiner Energie und er wird dir den Weg zu ihm weisen. Also fasste ich mich und rief innerlich Lio, zeige mir den Weg?


Und glaubt es mir, oder nicht! Ich stieg aufs Fahrrad, fuhr Richtung Wald, dann geradeaus in den Wald und rief Lio, da erklang ein leises Miau. Ich habe ihn, keine 5 Minuten später.


Ich spürte es. Ich lief in den Wald. Rief ihn nochmals. Lio! Da konnte er sich nicht mehr halten. Schrie wie am Spiess, kläglich und erleichtert meine Stimme zu hören. Aber wo war er. Seine Rufe wurden lauter und leiser, als ich kreuz und quer durch den Wald ging.


Irgendwann schaute ich in die Baumkronen. Da sass er wie ein Häufchen Elend in etwa 15 Metern Höhe. Eine hochgeschossene Buche ohne Äste am Stamm, nur sehr dünne Zweige in der Baumkrone, er konnte kaum darauf balancieren. Kaum zu glauben. In dieser Position musste er schon fast drei Tage ausharren. Ich sah seine Erleichterung als er mich sah. Ich rief komm runter. Nix, er machte keinen Wank. Was hat ihn nur da hoch getrieben.


Ich kann nicht hoch, er nicht runter. Ich hatte ihn und doch nicht und nun beginnt die eigentliche Geschichte, warum ich diesen Blog schreibe, weil vermisste Katzen auf Bäumen gibt es ja sicher genug.


Was kann ich tun. Ich sass unter dem Baum und überlegte. Ich war mitten im Dickicht. Niemand kommt hier hin. Trotzdem entschloss ich mich nach einiger Zeit die Feuerwehr zu rufen. Er sass da ja schon ein paar Tage und meine Lockrufe wirkten auch nicht.


Die Herren in Orange kamen sehr souverän mit voller Ausstattung, mussten erst mal ein paar kleine Sträucher fällen um zu dem Baum zu gelangen, ich war erleichtert. Rettung naht. Sie schauten auf den Baum und sagten der ist zu dünn, wir können die Leiter nicht stellen. Aber wir haben bei uns so einen verwegenen Typen, der kann es versuchen. Sie rufen ihn an und er kommt. Als er hochgeht, flieht Lio in die oberste Baumkrone.


Sie sagen, da geht keiner mehr hoch, sie müssen warten bis er von selber wieder runter kommt. Ich rufe die Tierrettung an und frage, ob Lio da wirklich selber wieder runter kommt. Sie sagen nein, wenn er bis jetzt nicht getan hat und über 15 Meter ist, kommt er nicht von selbst runter und sie sollten nicht riskieren, dass er vor Erschöpfung runterfällt.


Da passiert nun dies, warum ich diese Geschichte schreibe: Ich hörte eine Frau: Sie rief Lio...Lio...Lio. Ich ging aus dem Wald und traf eine ältere Frau. Sie sagte, sie hätte mein Plakat gesehen und Lios Geschichte gelesen und überall nach ihm gesucht. Unglaublich, fremde Menschen helfen Lio. Ich sagte, ich habe ihn gefunden und versuche ihn da vom Baum zu holen. Sie war erleichtert.


Ein bisschen später tauchte ein älterer Herr auf, der im selben Haus wohnt, wie ich und sagt, ich habe dein Fahrrad mit den Zetteln von Lio gesehen. Du hast ihn also gefunden, kann ich dir helfen. Ich sagte, nein leider nicht. Er schrieb mir seine Nummer auf und sagte: Ruf mich an, wenn ich helfen kann. Dann ging er wieder.


Dann kommt ein junges Paar und sagt, wir haben die Katze gehört aber nicht gefunden, wir müssen dir und der Katze helfen. Ich lehnte wieder ab, weil ich Angst hatte, dass dieser Tumult meine Katze hindert, von diesem Baum zu kommen.


Sie gingen alle wieder und ich fasste den Entschluss, meine Freunde anzurufen und den Baum zu fällen. Ein Freund kam mit einer Axt und nach 20 Minuten viel der Baum. Lio war unten. Gottseidank.


Weit gefehlt, der segelte wie ein Eichhörnchen auf den höchsten Baum im ganzen Wald. Wie gewonnen so zerronnen. Ein Versuch war es wert. Also ging ich nachhause und holte meine Camping-Ausrüstung und richtete mich für die Nacht unter dem Baum ein, um ihm Sicherheit zu geben.


Da kam eine weitere Frau, die ebenfalls mein Plakat gelesen hat und nach Lio suchte, mit ihrem kleinen Sohn. Da Lio mittlerweile auf ca. 25 Metern sass und keine Anstalten machte vom Baum zu kommen, beschloss ich ihm Gesellschaft zu leisten und morgens eine neue Lösung zu suchen und wies auch ihre Hilfe ab. Ich wollte mehr Ruhe in dem Thema. Musste Nachdenken.


Durch Unruhe kommt er sicher nicht da runter. Sie ging. Es wurde dunkel. Kurze Zeit später taucht sie mit ihrem Mann auf, der hat mehrere hundert Meter eine Leiter getragen um Lio zu retten, aber die Leiter reichte nur etwa bis zur Hälfte und ich wollte nicht, dass sich Menschen verletzen, beim Versuch Lio zu retten. Sie gingen wieder. Weiterhin lehnte ich jede Hilfe ab. Ich kenne doch meine Katze am besten. Dann kommt der alte Mann wieder, bringt mir eine Taschenlampe und etwas zu trinken. Krass.


Ich verharrte unter dem Baum bis drei Uhr nachts, bis es mir zu kalt wurde. Ich ging nachhause ins Bett. Zweieinhalbstunden später ging ich wieder zu dem Baum. Ich hörte sein Miauen kaum mehr. Lio war nun aus Angst noch höher gestiegen, in schwindelerregende Höhen, so dass ich ihn nur noch als weissen Punkt in der Baumkrone wahrnahm.


Ich resignierte, beschloss, wieder nachhause zu gehen und externe Hilfe zu holen. Musste aber warten, weil es erst 6 Uhr morgens war: Ich trank ein paar Kaffee und wenig später ging ich wieder zu dem Baum und traf in den frühen Morgenstunden auf das junge Paar, den Herrn mit der Leiter und etwas später auch den alten Mann. Sie waren alle schon aufgestanden um Lio zu helfen. Unglaublich, sie kommen alle um zu helfen. Ich war mittlerweile so platt und erschöpft, dass ich es zuliess. Die junge Frau über nahm das Ruder. Sie telefonierte und organisierte über diverse Kontakte einen Baumkletterer.


Was ist ein Baumkletterer? Sie klettern in schwindelerregende Höhen, mit Seil, Mut und Verwegenheit, um Bäume zu pflegen und bei Gelegenheit auch um Katzen zu retten! Wieder einer der Zeit opferte für Lio und nur Benzingeld dafür wollte. Eine Stunde banges Warten verging und er sagte zu und machte sich auf den Weg.


Wir warteten und durch meinen Kopf schossen tausend Gedanken, ich war nervös, schafft es wirklich jemand, da hochzuklettern, kaum zu glauben. Was mache ich, wenn er es auch nicht schafft?


Da kam er angefahren, ein unscheinbarer Mann. Ich war erleichtert und fragte, kommst du da hoch? Er schaute in den Baum, da gibt es 2-3 Meter, die sind schwierig, ich entscheide Moment für Moment, aber ich denke, ich werde es schaffen.


Er fragte, wie wird die Katze reagieren, wenn ich da oben ankomme. Ein Profi also! Der weiss was er tut. Ich sagte, ich weiss es nicht, bisher vertraute sie keiner Hand ausser meiner. Es kann alles passieren. Lass ihn nicht los, wenn du ihn hast, er wird sich wehren und sich sofort beruhigen. So kenne ich Lio, aber wer kann eine Katze einschätzen die 4 Tage auf einem Baum sitzt, Durst, Hunger und Angst hat.


Boa, bin ich erschöpft und beindruckt von dem Mut dieses Mannes. Er stieg hoch. Baute seine Technik auf, installierte Seile am Baum. Meter für Meter kam er Lio näher. Ich war sehr nervös, was wenn Lio noch höher steigt.


Der Baumkletterer ist nach einer knappen Stunde nur noch so gross wie mein Daumennagel im Baum. Kaum zu sehen in dem verwachsenen Dickicht.


Endlich ist er da. Er packt Lio am Genick, der ihm sogleich mit allen Vieren direkt ins Gesicht springt und unglaublich, der Baumkletterer lässt ihn nicht los, hält sich mit einer Hand am Baum fest und versucht die Katze aus seinem Gesicht zu kriegen und Lio beruhigt sich.


Lio hat solche Angst. den Halt zu verlieren, dass ihn der Baumkletterer, Meter um Meter am Baum absetzt. Bis er ruft, das geht so nicht, so kommen wir nicht runter. Alle sind ratlos, bis die junge Frau sagt, lass deinen Rucksack hoch. Er riecht nach dir. Was dann auch geschah über das Seil. Der Mann packte Lio in den Rucksack und keine fünf Minuten später war er in Sicherheit am Boden.


Ich war erleichtert, packte den Rucksack und rief, was für ein Held, dieser Mann und brachte Lio sofort nach Hause und sagte ich komme sofort wieder, wenn es ihm gut geht.


Zuhause angekommen, sprang er sofort aus dem Rucksack und war auch sichtlich erleichtert.


Ich ging wieder hoch zum Baum. Der Mann kam gerade vom Baum und hatte Kratzer am ganzen Körper und war sichtlich verletzt, Lio hatte ihm aus Angst durch die ganze Hand gebissen.


Uhi. Ich bedanke mich fast auf Knien und fragte, kann ich etwas tun. Er sagte nein, es geht schon. Sowas bin ich mich gewohnt. Unglaublich, er liess Lio in fast 30 Metern Höhe, trotz Schmerzen und Verletzungen nicht los. Was für ein Held.


Eine weitere Frau kam, die das Geschehen beobachtete, sah seine Wunden und schickte ihre Kinder nachhause um die Hausapotheke zu holen und verarztete den Mann, welcher dann doch etwas erleichtert war.


Aber warum beschreibe ich diese Geschichte so detailliert:


Erstens: Ich wollte das Problem selber lösen, ohne Hilfe anzunehmen, aber diese Menschen kamen immer wieder um Lio und mir zu helfen. Menschen haben Lio geholfen, ohne eigenen Anspruch. Entlasteten mich und suchten Lösungen, welche ich aufgrund meiner mentalen Erschöpfung nie mehr hätten finden können. Völlig selbstlos. Niemand wollte Geld von mir.


Lehre Nummer 1: Tiere verbinden Menschen!

Zweitens: Ich glaube an Lio. Ich wusste, dass er lebt und meine Hilfe braucht und habe alles unternommen, was ich kann um ihn zu finden. Tausende Massnahmen habe ich in die Wege geleitet. Ich habe es ihm versprochen, bei mir ist dein letzter Lebensplatz und deine Endstation.


Und ICH habe ihn gefunden und mein Versprechen gehalten! Ein sehr schönes Gefühl.


Lehre Nummer 2: Gib nie auf, was du liebst!

Lio geht es nach ein paar Happen wieder wunderbar, sein Herrchen ist noch etwas platt. Aber beide sind happy, wieder zusammen zuhause zu sein.


Herzlichen Dank all denen die Lio und mir geholfen haben:


Melissa, Christian, Mesut, Hanspeter, Peter und vor allem bei Andi dem Kletterer und all denen, deren Namen ich leider nicht mehr weiss.


Ein kleiner Nachtrag, wie es Andi wahrgenommen und meinen Blog gelesen hat. Seine sensitive Originalnachricht möchte ich euch nicht enthalten:


Schön geschrieben. 👍


Ein kleines Detail, dass wahrscheinlich niemand sehen konnte: Als ich bei Lio angekommen bin, hat er meine Hand beschnuppert und hat dann mit meiner Hand geschmust. Dieses typische mit der Schnauze angefangen, mit etwas Druck an der Hand bis zum Hals über die Hand streichen. Erst als er seinen Halt aufgeben sollte hat er sich verständlicherweise gewehrt. 😄 Als ich ihn am Seil runtergelassen habe, hat er mich die ganze Zeit durch eine kleine Öffnung beim Reissverschluss angeschaut und sein Blick war nicht böse. Ich denke er mag mich doch. 😄


Ich fragte, warum hast du dass gemacht und er schrieb:


Alles nur für Geld machen ist schlecht für das Herz.

Sein Motto: Mache es einfach. Im doppelten Sinne! Und Melissa schrieb, am besten lernst du wie ein Mensch ist, wenn du siehst, wie er mit Tieren umgeht.


Danke Euch allen.


@simis, wie immer mit passendendem Song: Alles ist eins







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